Und wieder einer … der nächste offene Brief zum RISG

Mein Name ist Hartmut Keuler, im Zuge der anherrschenden Diskussion um den Entwurf unseres Bundesgesundheitsministers zur Reform der Intensivpflege, habe auch ich es mir nicht nehmen lassen Herrn Spahn einen Brief zu schreiben. Ich bin ehrlicher Weise nicht davon ausgegangen einen Antwort zu erhalten, dennoch habe ich eine bekommen. Beides will ich der Gemeinschaft der Betroffenen nicht vorenthalten. Vielleicht inspiriert es den ein oder anderen es ebenfalls zu tun.

Sehr geehrter Herr Minister Spahn,

Meine Name ist Hartmut Keuler. ich bin Vater von Moritz Keuler, einem derzeit 20 Monaten alten kleinen Sonnenschein, der leider an Spinaler Muskelatrophie, kurz SMA, erkrankt ist, einem unheilbaren Gendefekt.

Bei dieser Krankheit sind Bein-, Arm-, Rücken- und Atemmuskulatur betroffen. Die für das Wachstum nötigen Motoneuronen (Proteine) werden nicht gebildet und die Muskeln verkümmern, verhungern. Kurz gesagt: Sie sterben ab. Je nach Typ der SMA läuft der Prozess schneller oder langsamer. Bei jedem Typ aber, sollten die ersten Jahre überleben werden (bei Typ 1 liegt die Lebenserwartung bei ca. 2 Jahren), ist der Rollstuhl vorprogrammiert. Je nach Schwere, das kommt hinzu, ist irgendwann eine Beatmung während der Schlafphasen erforderlich.

Das bringt mich zu Ihrem Entwurf der Novellierung der Pflege.

Mit Entsetzen habe ich gelesen, dass Sie gerade für die Beatmungspatienten nach Erreichen der 18ten Lebensjahres die heimische Versorgung ersatzlos streichen wollen. Stattdessen möchten Sie diese Patienten aus Ihrer gewohnten Umgebung herausreißen und in 24 Stunden-Betreuungszentren konzentrieren.

Das ist nicht nur bar jeder Logik und ein extremer Einschnitt in die Selbstbestimmung, sondern kommt, ich scheue mich nicht diesen Vergleich zu bemühen, einer Ghettoisierung der Betroffenen gleich. Und mit Staatlich sanktionierten Ghettos haben wir grade in Deutschland keine guten Erfahrungen.

Abgesehen davon, dass Ihr Entwurf fundamental gegen die Behindertenrechtskonvention und dem damit verbundenen Leitsatz zu stationär und ambulant verstößt.

Ihre Absicht den finanziellen Missbrauch bei der Beatmungsverschreibung zu unterbinden, die Dauer der Beatmung und die, wie Sie sagen, die schlechte Entwöhnungspraxis aktiv anzugehen, finde ich gut. Missbrauch eines lebenswichtigen Systems / einer lebenswichtigen Therapie muss unterbunden werden; dies aber nicht zu Lasten derjenigen, die auf diese Therapie angewiesen sind.

Ich kann hier nur für die Krankheit meines Sohnes sprechen. Patienten mit SMA sind in der Regel überdurchschnittlich intelligent, viele studieren oder haben studiert. Einige arbeiten aktuell an Ihrer Doktorarbeit, andere sind in leitenden Positionen im Verwaltungswesen oder der Personalführung. Ich habe inzwischen eine Frau kennengelernt, die trotz SMA eine Firma gegründet hat und mittlerweile über 200 Personen Arbeit gibt. Sie gehen ins Kino und zu Konzerten. Manche, bei denen die Krankheit erst im Erwachsenen Alter begonnen hat, haben eigene Familien gegründet. Sie alle meistern täglich ihr Leben trotz der Tatsache, dass sie alle im Rollstuhl sitzen.

Diese Menschen sind nächstens auf eine Beatmung angewiesen.

Sie würden nach Ihrem Entwurf aus ihrer heimischen Umgebung und von ihren Familien und Vertrauten weggerissen.

Ist dass das Ziel Ihrer Politik?

  • Familienentzweiung
  • Ghettoisierung von Kranken und Hilfsbedürftigen
  • Beschneidung der Selbstbestimmung
  • Millionengeschenke an die gesetzlichen Krankenkassen

Ich bitte Sie eingehend, überarbeiten Sie diesen Entwurf. Die Entscheidung zur Entwöhnung von der Beatmung sollte vom Patienten UND dem behandelten Arzt getroffen werden. Nicht von Gremien!

Die Patienten sind in der Regel bestens informiert, geschult und in der Lage, die notwendigen Abläufe beim An- und Ablegen der Atemhilfe, dem Pflegepersonal besser zu erklären, als vermutlich die meisten Mediziner. Dies alleine schon durch die Tatsache, dass sie damit täglich zu tun haben.

Bitte, besuchen Sie eine SMA-Veranstaltung und sprechen Sie mit den Betroffenen. Sie werden erkennen, dass nicht alle, die eine Beatmung benötigen, sich über einen Kamm scheren lassen. Es muss immer der individuelle Einzelfall betrachtet und entsprechend entschieden werden.

Bitte überarbeiten Sie diesen Entwurf.

Die Anwort auf diesen Brief kann hier heruntergeladen werden.

WHEELCUREITY TV

Nach bzw. während der aktuellen eher nicht so tollen Berichte aufgrund des Gesetzesentwurfes zum RISG in Deutschland auch mal wieder etwas positives.

Jürgen Schlager aus dem Nachbarland Österreich und seine persönliche Assistentin starten eine Karriere als Dokustars über das Leben und Alltag …. Aller Anfang ist schwer! , aber guad .. schauts eich oan 😉

Hörenswert!

Im Rahmen der „Aktionswoche Selbsthilfe“ gab Joachim Köhring, Vorsitzender des Thüringer LV der DGM, ein Interview über neuromuskuläre Erkrankungen und spricht auch über die Barrieren in den Köpfen der Menschen.